Sonntag, 17. März 2013

Körperhaltungen und Zeit in ihrer Bedeutung für das Gebet



Aus dem Exerzitienbuch des hl. Ignatius von Loyola

Es gilt, zwei Extreme in der Gebetshaltung zu vermeiden: einen Meditationssitz zum Dogma
zu erklären und zu einer Haltungslosigkeit zu zerrinnen. Ignatius bringt im Exerzitienbuch
(EB) Nr. 76 folgenden Hinweis: „In die Betrachtung eintreten, bald kniend, bald auf der Erde
ausgestreckt, bald auf dem Rücken mit dem Gesicht nach oben, bald sitzend, bald stehend,
indem ich stets auf der Suche nach dem bin, was ich will. ... Wenn ich kniend das finde, was
ich will, werde ich nicht weitergehen; und wenn ausgestreckt, ebenso usw.“

Hier gilt ein einziges Kriterium: Die Haltung, die mir mehr zum Gebet hilft, die soll ich einnehmen. Man
muss sich nur hüten, haltungslos zu werden und die Haltung dauernd zu verändern. Letzteres
kann zum Zeitvertreib werden, wenn zum Beispiel die Betrachtung sehr mühsam verläuft.
Ignatius rät auch, dass man nach dem Zubettgehen, wenn man bereits einschlafen will, noch
kurze Zeit den Betrachtungsstoff des folgenden Tages durchgehen soll (vgl. EB Nr. 73). Dies
hat man heute wiederentdeckt: mit positiven Gedanken einschlafen tut der Psyche gut. Ebenso
wenn man am Morgen nicht alles gleich heranlässt (z.B. die Weltnachrichten), wenn man die
Ruhe der Nacht noch für das Gebet nützt.

In EB Nr. 75 spricht Ignatius von ein oder zwei Schritten vor dem Betrachtungsort. Hier soll
ich mich in die Gegenwart versetzen. Je nach Betrachtungsstoff soll ich den Raum hell oder
dunkel halten. Beim Leiden Jesu nicht an Frohes denken und bei den Osterbetrachtungen
Freude aufkommen lassen.

Gebetshaltungen, die in allen großen Religionen gepflegt werden
Knien, Sitzen, Stehen hat jeweils eine andere Qualität. Spüren wir selbst in uns hinein, wofür
diese oder jene Haltung am ehesten geeignet ist. Knien: Verbindung mit der Erde, Erfahrung
der Kleinheit usw. Sitzen: Zuhören in Entspannung. Stehen: Wachheit, Sammlung. Falten der
Hände: Sammlung, Dasein. Ausbreiten der Hände (Orantenstellung): Erfahrung der Kraft, die
von den Händen ausgeht. Handauflegung: Übertragung von Kraft.
In der Mitte, im „Hara“ da sein: Nicht oben in den Schultern (mich festhalten), nicht formlos
zusammenfallen, sondern die Mitte als Zentrum erfahren (siehe die Ikone „Muttergottes des
Zeichens“).
Das Hinlegen auf die Erde (Prostratio) bei der Priesterweihe und am Karfreitag: darin
überlassen wir uns total der Erde und erfahren das Getragenwerden.

Zeiten für das Gebet
Der Morgen und der Abend haben eine lange Gebetstradition. Zu Beginn des Tages vor Gott
da sein ist etwas anderes als unter Zeitdruck zur Arbeit eilen. Der Abend sollte nicht mit
einem Krimi schließen, bei dem man einschläft, sondern mit der Rückkehr zu Gott, dem man
nochmals den Tag, die schönen und traurigen Ereignisse übergibt. So in den Schlaf gehen, ist
äußerst heilsam.

Eine weitere Möglichkeit entdeckte ich im traditionellen Gebetsläuten (Engel des Herrn) und
am Freitag zur Todesstunde Jesu. Was ging da vor sich? Die Gläubigen unterbrachen ihre
Arbeit und gedachten der Menschwerdung Gottes, das hieß: Jetzt lassen wir unsere Arbeit los.
Jetzt wollen wir vor Gott da sein. Wir werkeln heute oft den ganzen Tag dahin und lassen uns
von der Arbeit völlig in Beschlag nehmen. Wir haben keine Distanz von unseren Aufgaben.
Ein Mitbruder erzählte mir, dass früher die Bauern und Handwerker, bevor sie ihr Tagewerk
begannen, ein vaterunserlang innehielten.

 Beim Tischgebet wurde gemeinsam für die Gaben Gottes gedankt. Dann gab es noch die Zeit des Nachtwachens: Starb ein Nachbar, dann wurde  der Tote zuhause aufgebahrt, und die Nachbarn kamen zum Gebet herbei. Dazu gab es Brot, Salz und Most. Die Haltung beim Gebet, die Zeiten vor Gott im Alltag, in manchen Lebensabschnitten wie Taufe, Hochzeit, Begräbnis, Arbeit und Fest waren Hilfen, dass der
Alltag vom Gottesgedenken durchwirkt und von Gott leichter in allen Dingen gefunden
wurde.

Heinz Urban SJ

Erschienen in: Jesuiten. Mitteilungen der österreichischen Jesuiten 68 (1995) H.4, 14-15.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Nachdem ich früher über solche "Gebetszeiten" nur gelächelt habe nach dem Motto "war halt eine andere Zeit", habe ich beim Lesen jetzt gedacht: wie schön wäre es, dieses Innehalten im Alltag, diese Gebete wieder neu zu beleben. Und wie schöne wäre es, wenn wir, wenn ich den Mut hätte, vor anderen auch nur ein Tischgebet zu sprechen...
Nochmal: vielleicht entdecken wir diese Gebete ja neu!

Lauda Sion hat gesagt…

Ja, wär schon toll! Erfahrungsgemäß sind die Gebetszeiten, die am härtesten umkämpften.
Also nicht verzagen, wenn es länger dauert :)