Sonntag, 18. März 2012

Klara von Assisi, die neue Frau

Die Regel

32. Obgleich die endgültige Regel gegen Ende des Lebens Klaras geschrieben wurde - nach dem Testament oder in der gleichen Periode - bietet sie doch präzise autobiographische Daten für die Anfänge ihres evangelischen Lebens und andere bedeutsame Angaben. In eben demselben Prolog, in dem der Papst und der Kardinal Rainald sprechen, finden wir zweifellos die gleichen Gedanken, die in der Bitte enthalten waren, die Klara einreichen mußte, um dafür die Approbation zu erhalten. Der Kardinal sagt in Übereinstimmung mit dem Papst ausdrücklich, daß diese Lebensform, nach der Klara und die Schwestern "in der Eintracht des Geistes und dem Gelübde der höchsten Armut" leben müssen, ihnen von Franziskus in Wort und Schrift übergeben wurde. Der Kardinal führt noch einzeln aus - wobei er Klara "geliebte Tochter und Mutter" nennt -, daß die Schwestern, den Fußspuren Christi selbst und seiner heiligsten Mutter folgend, sich entschieden haben, in Abgeschlossenheit zu wohnen (incluso corpore) und dem Herrn in höchster Armut "mit freier Seele" zu dienen.
Das ist also der Kernpunkt der Regel: "Das heilige Evangelium unseres Herrn Jesus Christus zu beobachten durch ein Leben in Gehorsam, ohne Eigentum und in Keuschheit."
Das Leben der Schwestern, das gekennzeichnet ist durch Einheit des Geistes, gegenseitige Liebe und höchste Armut, beruht auf der Mitverantwortlichkeit aller Schwestern zum gemeinsamen Wohl (vgl. Regel Klara II, 1). Den Kandidatinnen soll sorgfältig die Grundhaltung dieses Lebens "erklärt" werden (Regel Klara II, 19-20). Die Äbtissin oder Mutter soll in voller Eintracht zum gemeinsamen Wohl gewählt werden (vgl. Regel Klara IV, 3), es muß eine Profeßschwester sein (gegen den Brauch der Zeit, auch Nicht-Professen zu wählen), beispielhaft und offen zum Dialog (vgl. Regel Klara IV, 4-18).
Um die Einheit und den Frieden besser zu bewahren wird festgesetzt, daß die Amtsschwestern des Klosters unter gemeinsamer Zustimmung aller gewählt werden (vgl. Regel Klara IV, 22). Die Äbtissin bediene sich immer des Rates der Ratsschwestern (vgl. Regel Klara IV, 23). Der Rat ist eine Neuerung, die von Klara eingeführt wurde.

33. Nach Kapitel V, das vom Schweigen handelt, vom Gitter und ähnlichen Themen, fügt Klara überraschend andere fünf Kapitel ein (VI - X), von gänzlich anderem Inhalt und anderer Atmosphäre, wobei sie auch das Thema der Klausur unterbricht, das in Kapitel XI wieder aufgenommen wird. Dies ist eine jähe Unterbrechung, gegen jedes innere Gesetz der Regel. Es ist offensichtlich, daß es sich um fünf Kapitel handelt, die ihr besonders am Herzen liegen und auf denen sie als feste und bestimmte Frau besteht, als auf charakteristischen und unersetzlichen Punkten, da sie evangelisch-franziskanisch sind.
Von Kapitel VI sprachen wir schon. Es enthält die bewegende Erinnerung an ihren geistlichen Weg, der von der Lebensform und dem Testament des Franziskus angeregt wurde. Hier findet sich ein Hinweis auf die Armut, in der bis zum Ende zu verharren ist, doch wird ein kleines Stück Land als Garten zugestanden, für den Lebensunterhalt und die notwendige Abgeschiedenheit.
Das Kapitel VII nimmt ein für Franziskus wesentliches Thema auf: Vorrang des Geistes des Gebetes und der Hingabe, dem alle "zeitlichen" Dinge dienen sollen, nämlich die körperliche und geistige Arbeit, das Lernen, die Werke der Nächstenliebe, die Frömmigkeitsübungen, die
Bußübungen. Tatsächlich ist die Gnade der Arbeit ein Geschenk, eine Eingebung des Herrn, die nicht nur den der Seele schädlichen Müßiggang ausschließt, noch den Geist des Gebetes und der Hingabe erstickt, sondern ihm dienen und ihn stärken soll. Es ist stets der Geist des Herrn, der Leben gibt zu jedem guten Werk, sei es Gebet, Arbeit oder eine andere "zeitliche" menschliche Tätigkeit. Also wäre die Arbeit, aber auch eine andere Tätigkeit wie z.B. das Gebet, die nicht vom Herrn eingegeben wäre, sondern von egoistischer oder narzißtischer Liebe, nicht dem Geist gemäß, der Leben gibt, sondern entspräche dem Buchstaben, der tötet (vgl. Erm. VII, XIV).
Dieser Gedanke, der Geist ist es, der Leben gibt, kehrt im X. Kapitel wieder. Klara folgt hier der Regel des Franziskus, aber vertieft den zentralen Kern. Es handelt sich um den Gegensatz zwischen Geist und Fleisch: die Eigenliebe, Feind der wahren Gottes- und Nächstenliebe; im Gegensatz dazu der Geist des Herrn, der uns mit reinem Herzen beten und in Demut und Geduld leben läßt, so daß wir sogar jene lieben, die uns verfolgen.
Hören wir Klara: "Ich mahne jedoch im Herrn Jesus Christus dringend, daß die Schwestern sich hüten mögen vor allem Stolz, eitler Ruhmsucht, Neid, Habsucht, der Sorge und dem geschäftigen Treiben der Welt, vor Ehrabschneiden und Murren, Auseinandersetzung und Entzweiung. Immer sollen sie besorgt sein, einander die Einigkeit der gegenseitigen Liebe zu bewahren, die das Band der Vollkommenheit ist. Und die keine wissenschaftliche Ausbildung haben, dürfen nicht danach trachten, sich wissenschaftliche Bildung zu verschaffen; sie sollen vielmehr darauf achten, daß sie über alles verlangen müssen, den Geist des Herrn zu besitzen und sein heiliges Wirken, allzeit mit reinem Herzen zu ihm zu beten, Demut und Geduld in Trübsal und Krankheit zu bewahren und jene zu lieben, die uns verfolgen, tadeln und anschuldigen; denn der Herr sagt: Selig, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen, denn ihrer ist das Reich der Himmel. Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden" (Erm X, 6-13).

34. Es ist also ein und derselbe Geist des Herrn, der in heiliger Weise das Gebet und die gegenseitige Liebe bewirkt und im Ausharren zur endgültigen Rettung führt.
Um die schöpferische Kraft Klaras zu erfassen, muß man besonders die "Anfügungen" hervorheben, die sie zu den einfachen Worten des Franziskus macht, nämlich die Hinweise auf Paulus bezüglich der evangelischen Vollkommenheit. Aus dem Brief an die Kolosser 3, 14: "Super omnia autem haec, charitatem habete, quod est vinculum perfectionis" (Vor allem aber liebet einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht.).
Aus dem Brief an die Epheser 4, 3: "Solliciti servare unitatem spiritus in vinculo pacis" (und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält). Auf den Brief an die Galater 5, 14-21 bezieht sie sich, wenn sie von Auseinandersetzung und Entzweiung spricht. Die paulinischen Texte dienen Klara gut, um zu erklären, was es auf sich hat mit dem: "Sie sollen vielmehr darauf achten, daß sie über alles verlangen müssen, den Geist des Herrn zu besitzen", von dem Franziskus spricht. Es ist der Geist des Herrn, der persönlich in uns in heiliger Weise die Einheit der gegenseitigen Liebe bewirkt, indem er uns stets mit einem reinen Herzen beten läßt. Es ist wiederum der Geist des Herrn, der uns an seinem eigenen Leben teilhaben läßt und an dem seiner Mutter. In diesem trinitarischen und marianischen Leben nach dem Evangelium stellt Klara die beispielhaften Bezugspunkte für ihren Weg der Vollkommenheit auf. Sie blickt auf Maria, die verborgen und still in Nazareth lebt, die arme und demütige Magd des Herrn, die Braut des Geistes, Mutter Christi, Jungfrau, zur Kirche gemacht und wir in ihr (vgl. Gruß Maria, 1-6). Obgleich Klara dieses kontemplative Gebetsleben in der Klausur nicht näher verdeutlicht, ist es sicher, daß ihre "marianische" Ausrichtung zur vollen Gotteserfahrung in der Nähe zum trinitarischen Leben aufruft, mit dem Herrn und seiner Mutter im Heiligen Geist, bis zum mystischen Höhepunkt, wie die Schriften Klaras (und des Franziskus) beweisen, sowie die reiche Tradition der Klarissen. 


35. Ein Zeugnis von Thomas von Celano führt uns zum Verständnis dieser Konzeption des klarissanischen Lebens: "Vornehmlich blüht unter ihnen vor allem die Tugend gegenseitiger und stetiger Liebe, die ihren Willen so sehr in eins verbindet, daß, mögen vierzig oder fünfzig gleichzeitig irgendwo beisammen sein, ihr gleichgerichtetes Wollen und Nichtwollen in ihnen einen Geist aus vielen schafft ...Zweitens ... die Demut ... Drittens die Jungfräulichkeit ...Es entsteht in ihren Herzen eine große Liebe zu ihrem Bräutigam ... Viertens die allerhöchste Armut ... Fünftens die Gnade der Enthaltsamkeit und Schweigsamkeit ... Sechstens Geduld, so daß keine Unbill und Beschwerde ihr Herz brechen oder umstimmen können ... Siebtens der höchste Grad der Beschauung, sie verstehen es glücklich, mit ihrem Geist sich zu Gott zu erheben" (1 Celano 19). Wie man sieht, kommentiert Celano die Regel Klaras nach der Hierarchie der Tugenden. Ebenso tut er es für die erste Brüderschaft der Minderen Brüder, die auf dem festen Boden wahrer Demut gegründet ist (1 Celano 38), wobei er anfügt (1 Celano 46): "Denn so sehr hatte sie die heilige Einfalt erfüllt, so sehr war die Lauterkeit des Lebens ihre Lehrmeisterin geworden, so sehr hatte die Reinheit des Herzens von ihnen Besitz genommen, daß sie gar nichts wußten von einer Zwiespältigkeit der Gesinnung; denn wie ein Glaube, so lebte auch nur ein Geist in ihnen, ein Wille, eine Liebe, stete Eintracht der Herzen, Einklang der Sitten, Pflege der Tugend, Gleichförmigkeit im Denken und Liebe im Handeln."

36. Wir wissen alle, wie sich dieser absolute Primat der Liebe im Laufe der Jahrhunderte in gewisser Weise verdunkelte durch Uneinigkeiten und Spaltungen, auch im Orden der heiligen Klara, aus mehr oder weniger nebensächlichen Motiven, nämlich der Interpretation des Klausurgesetzes, der Gebetspraxis, des Fastens und der Abstinenz, der Kleidung usw. Man vergaß dabei oft, daß nur der Geist des Herrn der Klausur, der Armut, der Demut, der Buße Sinn und Leben verleiht. Wie betont Franziskus in den Ermahnungen, Kapitel 14: "Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich. Viele gibt es, die in Gebeten und Gottesdiensten eifrig sind und ihrem Leib viele Entsagungen und Abtötungen auferlegen, die aber an einem einzigen Wort, das ihrer Person Unrecht zu tun scheint, oder wegen einer beliebigen Sache, die man ihnen fortnimmt, Anstoß nehmen und darüber sofort in Aufregung geraten. Diese sind nicht arm im Geiste, denn wer wirklich arm im Geiste ist, haßt sich selbst und liebt jene, die ihn auf die Wange schlagen".
Das einzig entscheidende Kriterium der wahren Liebe zu Gott und zu den Brüdern, der wahre Liebesgehorsam, ist, so barmherzig zu lieben wie Gott Vater . Eine solche Liebe ist besser als ein Leben in einer Einsiedelei, wie Franziskus einem Minister mitteilte, der, ermüdet von den Problemen, die ihm die Brüder bereiteten, sich in eine Einsiedelei zurückziehen wollte (Brief an die Minister, 1-22).

37. Es dürfte nicht unnütz sein, hier an ein anderes Übel zu erinnern, das Franziskus und Klara entschieden verurteilen, da es von Gott "gehaßt" werde: die Sünde der Verleumdung, des Murrens und der Lästerung, verursacht durch Neid und Ruhmsucht. Diese Sünde ist dem Geist des Herrn und der Einheit in gegenseitiger Liebe vollständig entgegengesetzt: als "Verderben des Ordens" sieht es Franziskus (vgl. Nb Regel, XI, XVII; 2 Celano, 182 f). Unsere vielgestaltige franziskanische Familie hat damit schmerzhafte Erfahrung gemacht. Zu oft haben wir uns geteilt und voneinander getrennt nur aufgrund gegenseitiger negativer Urteile, oft über sekundäre und unwesentliche Probleme. Ausgehend also vom dreifaltigen Leben, vom "ut sint unum sicut et nos sumus" (vgl. Joh 17; Brief an die Gläubigen I und II; Nb Regel, XXII), ist ein aufrichtiges Bemühen notwendig zur wahren Einheit im Reichtum der vielgestaltigen Verwirklichung des grundlegenden Vorhabens. Im VIII. Kapitel nimmt Klara das Thema der höchsten Armut des VI. Kapitels der Bull. Regel des Franziskus wörtlich auf, indem sie aber die Bezugnahme auf die Armut der Mutter des Herrn hinzugefügt und den Stil dem weiblichen Empfinden anpaßt. Beachtenswert ist die Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse der Schwestern, Zeichen von Vertrauen auf die persönliche Reife einer jeden.

38. Es ist bezeichnend, daß Franziskus und Klara die höchste Armut und die brüderliche Liebe in einem Kapitel zusammenfassen. Dem Herrn und seiner Mutter folgen, so meint Klara, ohne etwas Eigenes unter dem Himmel zu eigen zu haben, wobei der Herr und seine Mutter der einzige Reichtum sind, führt zur Bildung einer "neuen" Familie "geistlicher" Schwestern, d.h. die auf den Geist gegründet sind, in der der einzige Vater, der himmlische, und die einzige Mutter Maria ist, von der sich die Schwestern gegenseitig die Mutterschaft im Geist mitteilen.
Das Kapitel IX handelt von der Buße, verpflichtend in Folge aller schweren Sünden, auch wenn diese in einem Kontext von Barmherzigkeit steht. Die Schwestern werden ermahnt, nicht über die Sünde der Anderen zornig oder aufgebracht zu werden; dies wäre gegen die schwesterliche Liebe. Wenn eine Schwester Ärgernis gegeben hat oder Anlaß zu Aufregung, möge sie demütig um Verzeihung bitten, noch ehe sie vor dem Herrn die Gabe ihres Gebetes darbringt. Jene aber sollen ihr verzeihen, um von Gott Barmherzigkeit zu erfahren.
Im XII. Kapitel erbittet Klara geistlichen und materiellen Beistand von seiten der Brüder; diese sollen vorsichtig zurückhaltend und Liebhaber eines heiligen und ehrbaren Lebenswandels sein. Schließlich erbittet sie bei der heiligen Römischen Kirche einen Schutzherrn, um allezeit der Kirche treu sein und in der Kirche treu das Evangelium beobachten zu können, was sie versprochen haben.

Kommentare:

Johannes hat gesagt…

Gerade habe ich mir zwischendurch einmal die Zeit genommen, um in der Regel und in Klaras Worten zu lesen. Vielen Dank dafür. Die heilige Klara ist mir seit einem meiner ganz frühen Assisibesuche zur heimlichen, kleinen Liebe geworden, bis heute.

Lauda Sion hat gesagt…

ich find sie auch sehr sympathisch, obwohl sie hier manchmal wie ein Übermensch dargestellt wird. vielleicht liegt es daran, dass nur die positiven Eigenschaften dargestellt werden.